Die Gewohnheiten loslassen

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Gewohnheiten entwickeln ist ein Tool, das unser Gehirn oft einsetzt, um weniger Energie zu verbrauchen. Unser Gehirn ist ein sehr kluges Verarbeitungssystem. Es ist nicht nur ein Sack voller Chemikalien die auf die Impulse reagiert, sondern ein aktives System das seine eigene Verarbeitungstools vorantreibt.

Unser Gehirn möchte den Energieverbrauch niedrig halten. Also viele Informationen verarbeiten, auf niedrige Energiekosten. Aus dem Grund entstehen die Gewohnheiten. Oder das was im Alltag auch Autopilot genannt wird.

Aber warum möchte es überhaupt die Energiekosten niedrig halten? Nicht weil es geizig ist, sondern um effizient zu sein.

Unser Gehirn ist ein kluges, kein geiziges, Verarbeitungssystem. Es automatisiert viele (neuro)biologische Prozesse (Atmung, Herzschlag, Glukosemetabolismus, usw), motorische Prozese (gehen, laufen, aufstehen, schreiben, trinken, usw), aber auch mentale Prozese (logisches Denken, planen, merken, usw), damit es sehr viel, mit sehr wenig Energie und Ressourcen, leisten kann. Deshalb können wir z.B. gleichzeitig sprechen und atmen. Die Atmung funktioniert “automatisch”, während wir uns auf das Sprechen konzentrieren können (manchmal funktioniert das auch zu automatisch :), aber das ist ein anderes Thema). Es automatisiert einige Prozesse, damit die Aufmerksamkeit und die Energie bewusst auf andere Prozesse gerichtet werden.

Unser Gehirn achtet auch darauf eine Reserve an Energie zu haben, damit es für unvorhersehbare Situationen vorbereitet ist (eine Drohung richtig einschätzen und sich verteidigen) oder komplexere Situationen (eine Prüfung bestehen) überstehen.

Deswegen entstehen die Gewohnheiten: um Energie für “schlecte Zeiten” zu haben aber auch bewusst die mentale Energie richten können (so findet z.B Lernen statt, aber nicht nur). Nicht weil unser Gehirn faul oder geizig ist, sondern weil es darauf achtet die Energiereserve hoch zu halten, für „schwierige Zeiten“.

Diese Reserve kann ungenutzt bleiben, indem wir keiner Gefahr oder neuen Situationen ausgesetzt werden, nichts Neues lernen möchten/müssen oder gar nichts neues/anders machen. Aber der Mensch ist nicht dafür gemacht, NICHTS zu machen. Auch wenn die Tage im großen Teil ähnlich sind, und man auf die Gewohnheiten zurückgreifen kann, es passiert trotzdem immer wieder was, was nicht vorhersehrbar ist: ein unangenehmes Telefonat, ein Auto fast angefahren, usw. Es gibt immer wieder im Alltag Situationen/Momente die nicht geplannt waren, und dann wird auf die Energiereserve zugegriffen. Sie fahren über das Wochenende nach Wien für ein Seminar und vergessen Sie den Rucksack im Zug. Es ist unerwartet und ungeplannt. Das Gehirn muss sich etwas einfallen lassen. Dazu greift es auf die Energiereserve zu und setzt die mentalen Ressourcen ein: Sie rufen einen Freund in Wien an, Sie melden das bei ÖBB, Sie fangen zu weinen an, usw

Wenn den großen Teil dieser Energiereserve nicht genutzt wird, dann reden wir über ungenutztes Potential. Wenn wer in seiner Blase lebt, in der er/sie darauf schaut dass alles konstant bleibt, dann bleibt einen großen Teil der Energiereserve ungenutzt. Eine Weile wird das gemütlich empfunden (weil man daran gewöhnt ist). Man könnte sogar das Gefühl haben dass man alles unter Kontrolle hat. Und je stärker die Gewohnheiten werden, desto starrer wird unser Gehirn. Das Bedürfnis an seinen Gewohnheiten festzuhalten, ist noch stärker. Denn alles andere wird als bedrohlich und fremd empfunden werden. Wer z.B 40 Jahre den gleichen Job gemacht hat, kann sich schwer vorstellen, diesen Job zu verlassen und was Neues zu lernen. Möglich wäre schon, aber schwer vorstellbar. Die Energiereserve ist „versteint“. Das was früher sich gemütlich angefühlt hat, hat sich jetzt in einer großen Vulnerabilität, Schwäche verwandelt. Man wurde zum Gefangenen seines eigenen Geistes.

The good news is: wir sind nicht gezwungen unsere Gewohnheiten blind zu folgen und auf Autopilot zu funktionieren. Wir können die Energiereserve ausnutzen, indem wir von Zeit zu Zeit auf einige alte Gewohnheiten verzichten, indem wir uns auf etwas Neues einlassen und Platz für neue Gewohnheiten schaffen. Das könnte kurzfristig als ungemütlich oder sogar mühsam empfunden werden. Aber langfristig wird die Flexibilität unseres Gehirns verstärkt. Und die Flexibilität ist die die uns die Kontrolle eigentlich gibt unser Leben mitzugestalten und alte Pfade verlassen zu können wenn sie uns umgarnen (möchten).

Die Routinen sind gesund, aber nur dann wenn sie hin und wieder gewechselt werden. Sonst werden sie unser Leben wie ein Spinnennetz einfangen. Das heißt jetzt aber nicht dass wir unser Leben jeden Tag neu gestalten müssen. Nein. Wir sollen nur darauf schauen dass das Neue und das Alte im Gleichgewicht bleiben. Beide sind wichtig und notwendig für einen gesunden Geist.

Man braucht auch nicht jeden Tag das Rad wieder erfinden. Oft sind es die kleinen Dinge, die unser Leben färben können: spontan in der Mitte der Woche einen Tag frei nehmen, einen alten Freund besuchen, gemeinsam mit dem/der besten Freund/Freundin kochen, zu Fuß durch die Stadt spazieren, einen Brief schreiben, usw.

Es steht uns unglaublich viel zu Verfügung! Wir sollen das nur begreifen: wir sind nicht die Gefangenen unserer Gewohnheiten. Es liegt an uns unser Leben aktiv zu gestalten. Es liegt an uns unsere geistige Fexibilität zu füttern und hin und wieder neue Gewohnheiten entstehen lassen.

Was hast du heute anders gemacht?

Worauf kannst du morgen verzichten?

Lass deinen Geist nicht rosten und füttere seine Flexibilität, indem Sie heute eine alte Gewohnheit loslassen.

Enjoy the simplicity of (your) complexity!

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